Vorsicht vor lyrischen Mädchenbusen

Johann Wolfgang von Goethe befand sich in vornehmer Gesellschaft und wurde vom Sohn der Gastgeber wie folgt angesprochen: „Hochverehrter Herr Geheimrat, auch wenn Sie Deutschlands Dichterfürst sind, möchte ich Ihnen dennoch die Wette anbieten, dass ich Ihnen zwei Wörter sagen kann, aus denen selbst Sie keinen Reim machen können.“
Goethe antwortete: „Junger Mann, ich nehme diese Wette gerne an, nennen Sie mir die zwei Wörter.“ Der junge Mann antwortete: „Die zwei Wörter sind Haustürklingel und Mädchenbusen.“ Nachdem Goethe sich einige Minuten zurückgezogen hatte, lieferte er als Beweis dafür, dass er tatsächlich Deutschlands Dichterfürst sei, nachfolgendes Gedicht; hier im Klickmich versteckt.

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Haustürklingel und Mädchenbusen

Die Haustürklingel an der Wand
Der Mädchenbusen in der Hand
Sind beides Dinge wohlverwandt
Denn, wenn man beide leis berührt
Man innen drinnen deutlich spürt
Dass unten draußen einer steht
Der sehnsuchtsvoll nach Einlass fleht.

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Doch ich möchte vor solchen literarischen Meisterwerken warnen. Allzuoft quält vorsätzliche Schamhaftigkeit, dass es beinahe kriminell erscheint. Wieviel Schüler mussten Jahrhunderte später noch leiden, weil allzu leichtfertig geschnürte Damen die Türglocke überhörten.

Goethe läutet mit frischem Reim - auf, huschhusch, lass ihn ein

Goethe läutet mit frischem Reim
auf, Contessa, lass ihn ein
denn es lässt an manchen Tagen
das drängend Sehnen kaum ertragen.

Am Ende treibt er’s mit Gedicht
worauf erst Herz, dann Brüstung bricht.
Lass ihn ein, sonst wird zum Schluss
ein Lendensturm zum Kunstgenuss.

Der dichtet traurig immer weiter,
der Glockenton klingt gar nicht heiter,
Ihr Busen bliebe unberührt,
und ein Schüler rezitiert betrübt.

Denn es fand zu allen Tagen
Lehrer, denen das Betragen
eines Schülers gar nicht passt
der den Reim dann ziemlich hasst.

Muss er dann den Mädchenbusen
In der Hand das Klingelband
lernen bist man rot vor Glut ist
Contessa, lass ihn ein und gut ist.

(Bildnachweis: © Anatoly Repin - Fotolia.com)