Die Trilogie reift

Die Überarbeitung der Trilogie (Das Fragment, Der immerwährende Augenblick, Die wundersame Quintessenz) kommt gut voran. Unterstützt vom Freestyle-Autoren Jochen Ruscheweyh wird der Roman kompakter, schneller, aber auch vielschichtiger. Um meine Leser nicht zu lange auf die Folter zu spannen, gibt es hier einen Textauszug aus Band I. Die Szene spielt in der Krypta des Bamberger Doms. Seien Sie gespannt.

[spoiler show=“Leseprobe auf“ hide=“Leseprobe zu“]„Sagen Sie, arbeitet hier auch jemand oder machen Sie Dauerpause?“, fuhr der Prälat den Messner an, der ihnen in den Dom gefolgt war, sich aber noch im Bereich des Altars aufhielt. Noch ehe dieser antworten konnte, entdeckte der sich offensichtlich in Rage befindliche Prälat Benedikt.„Pater!“, rief er. „Können Sie mir bitte erklären, warum die Haupteingänge hier und in St. Michael verschlossen sind? Was Sie hier mit diesen Gläubigen veranstalten, nennt sich Freiheitsberaubung. Auf der Stelle sorgen Sie dafür, dass die Eingänge wieder geöffnet werden!“

Beinahe simultan erhoben sich die Regenmantelträger, zogen Maschinenpistolen unter ihren Regenschutzen hervor und schwärmten aus. „Haupttür gesichert“, rief einer, ein anderer: „Altar und Kanzel gesichert.“

Zwei der Männer bauten sich vor Tristan auf.

„Her mit dem Artefakt!“, schrie der größere der beiden Männer.

„Was?“, presste Tristan hervor, noch nicht sicher, ob er gerade überrascht oder erschrocken reagierte.

„Strapazier’ unsere Geduld nicht, Professor!“, zischte der andere und drückte Tristan den Lauf seiner Waffe in die Magengegend.

„Lasst ihn!“, rief Alana, wurde aber von Benedikt daran gehindert, sich den Männern weiter zu nähern.

Tristan fühlte sich leer, wie gelähmt. Er starrte auf die Maschinenpistole, die auf ihn gerichtet war. Dann, ein Gedankenstrom: Talisman. Ammonit. Der Solnhofener Plattenkalk. Sein Vater. Dinosauriervögel. Die Wurzelhöhlung, schwarzer Stein, faustgroß.

„O.K., es geht auch anders!“, sagte der Größere, zog ein Mobiltelefon hervor und drückte einige Tasten. Dann hielt er Alana das Gerät hin. Sie zögerte einen Moment, bis Benedikt nickte, dann griff sie danach und hielt es sich ans Ohr.

Ihre Augen weiteten sich. „Sophia!“

Ihr schriller Schrei hallte von den Wänden des Domes zurück, bis er schließlich verstarb.

Der Mann riss Alana das Telefon aus der Hand und trennte die Verbindung.

„Wenn ihr irgendetwas geschehen sollte …“, flüsterte Alana und ballte die Faust. Sie schob die Schulter vor, als wollte sie zu einem Sprung ansetzen und den Bewaffneten niederreißen, aber Benedikt stellte sich ihr mit ausgebreiteten Armen in den Weg.

„Alana! Hör auf! Das ist doch Wahnsinn! Willst du dein Kind in Gefahr bringen?“

 

Sie stiegen in die Krypta hinab. Immer noch waren Maschinenpistolen auf sie gerichtet, mittlerweile vier an der Zahl. Zumindest ging es ihnen besser als dem Prälaten und dem Messner, die gefesselt und wie Bündel verschnürt vor dem Hochaltar lagen. Tristan schüttelte sich bei dem Gedanken daran. Er sah, wie Benedikt, der voranging, neben einem gemauerten alten Brunnen stehen blieb, der ein Dach besaß, unter dem an einer Winde ein metallverstärkter Holzeimer an einer Kette hing.

Weiter im Raum befanden sich einige in Reihen ausgerichtete Bänke, davor ein Altar.

Tristan hörte Alana hinter sich. Ihre ursprüngliche Wut war einem leisen Schluchzen gewichen.

„Wir sind hier im ältesten Bereich. Beim dritten Aufbau des Domes um zwölfhundertachtunddreißig wurde diese Zisterne angelegt, damit die Gläubigen ihren Durst nach Wahrheit löschen können“, begann Benedikt, dessen Stimme in der Krypta dunkler und voller als oben im Dom klang.

„Verschwende hier nicht unsere Zeit“, unterbrach ihn der Regenmantelträger, der Alana vor wenigen Augenblicken das Telefon hingehalten hatte und der, wie Tristan vermutete, höchstwahrscheinlich derjenige war, der die restlichen Männer befehligte. „Du hast einen Plan gehabt, wo ihr hier unten suchen wolltet. Also los, mach’ schon!“

„Woher wussten sie davon?“, dachte Tristan. Benedikt hatte diesen vermeintlichen Plan heute noch mit keiner Silbe erwähnt. Schlagartig wurde ihm klar, dass ihr Versteckspiel – seines, Alanas und vermutlich auch das aller anderen Beteiligten wie Severino – allein ihre eigenen Nerven beruhigt, nicht aber dazu beigetragen hatte, Informationen vor ihren Verfolgern und Beobachtern zu verbergen. Diese, wie sich jetzt herausstellte, hochprofessionelle Truppe hatte sie in Sicherheit gewogen, in dem sie ihnen kleinere Vorsprünge und Erfolge gelassen hatte, und letztendlich ihr Ziel damit erreicht: Benedikt, Tristan und Alana hatten das Rätsel für sie gelöst und sie obendrein noch direkt an die Stelle geführt, an der sich das Objekt ihrer Begierde befand. Zumindest vermutete er das.

 

„… das ist natürlich symbolisch gemeint“, fuhr Benedikt fort, in dessen Stimme jetzt aber ein wenig Unsicherheit mitzuschwingen schien. „Trotzdem wurde die Zisterne als vollständiger Brunnen angelegt.“ Er legte seinen Rucksack ab. Sofort folgte der Lauf einer Maschinenpistole seinen Bewegungen. Langsam öffnete der Pater einen Reißverschluss und entleerte den Rucksack auf den Boden. Vor ihm lagen nun zwei Taschenlampen, ein alter Schlüssel, zwei Bergsteigerhelme mit Kopfleuchten, verschiedene zusammengerollte Pläne, ein Bergsteigerseil und eine kleine Digitalkamera.

„Du weißt doch, dass Fotografieren in alten Kirchen verboten ist. Ihr solltet hier mal Schilder aufhängen“, zischte der Kleinere und trat mit seinen Militärstiefeln mehrmals fest auf das Gehäuse der Kamera, die bereits beim ersten Tritt auseinanderbrach.

„Was seid ihr nur für Menschen“, sagte Alana leise. „Was hat meine kleine Tochter mit diesen Sachen hier zu tun?“

„Deine Tochter ist nur eine kleine Motivationshilfe für diesen Don Camillo hier!“, gab der Anführer zurück und deutete auf Benedikt, der sich einen der beiden Helme aufsetzte und den dazugehörigen Kinngurt verzurrte.

„Ihr … ihr … verdammten Schweine“, begann Alana.

„Ja. Komm’ gib es uns. Sag, dass wir alle in der Hölle schmoren werden, wenn es dir damit besser geht. Trotzdem ändert das nichts an der Tatsache, dass er uns jetzt besorgt, was wir haben wollen.“

Tristan sah, dass der Brunnen mit einem Gitter abgedeckt war, dass seitlich durch ein Schloss gesichert wurde. Benedikt öffnete es mit Hilfe des alten Schlüssels, zog es ab und wuchtete das offensichtlich schwere Gitter hoch, schaffte es jedoch nicht ganz, obwohl er sich scheinbar mit voller Kraft dagegen stemmte.

„Hilf’ ihm!“, wies der Anführer den Kleineren an, der daraufhin an den Brunnen trat und mit anfasste. Gemeinsam drückten sie das Gitter über den gegenüberliegenden Brunnenrand, von wo aus es zu Boden fiel. Das Scheppern hallte kurz, aber laut und für Tristans Ohren hässlich durch die Krypta.

Benedikt blickte sich um und schüttelte seine Arme aus. Sie schienen ein wenig zu zittern. Dann kletterte er auf den Rand des Brunnen und ließ den Eimer hinab. Mit rasselndem Klang verschwand das Gefäß in der Tiefe.

„Kann ich … ?“, fragte Tristan und deutete erst auf sein Auge dann auf den Brunnen.

„Von mir aus.“ Der Anführer zuckte mir den Schultern. „Aber du bist dir im Klaren, Professor, versuchst du hier irgendwelche Tricks, zeigt dir das kleine Mädchen keine Ewigkeitsbänder mehr!“

Tristan fuhr innerlich zusammen. Eigentlich war er davon ausgegangen, dass er erst seit seiner Fahrt in den Chiemgau unter Beobachtung stand. Verdammt, sie mussten ihm wirklich überall hin gefolgt sein. Bei dem Gedanken daran wurde ihm leicht schwindelig. Er trat einen Schritt vor und stützte sich mit den Händen auf den Brunnenrand.

Mit einem lauten Klatschen schlug der Eimer auf die Wasseroberfläche auf, ging aber nicht unter, wie Tristan im Schein der Taschenlampe sah, die Benedikt jetzt nach unten richtete. Kein Wunder, die Kette war vollständig abgelassen. Wasser ließe sich damit nur schöpfen, wenn noch für drei bis vier Umdrehungen Kette auf der Achse verblieben wäre.  Benedikt schaute kurz zu Tristan, dann zu Alana, ehe er die Kette fasste und langsam mit einem Sicherungsseil über die Schulter geschwungen in den Schacht hinunterkletterte.

 

„Hier ist etwas!“, ertönte Benedikts Stimme nach einer Weile. „Ich brauche Hilfe. Tristan soll runterkommen.“

„Vergiss es!“, rief der Anführer in den Schacht hinab. „Ich schick’ dir einen meiner Männer.

„Nein! Ich brauche Tristan. Er muss sich hier etwas anschauen.“

„Das kann auch einer von uns, dafür brauchst du den Professor nicht!“

„Nein, sie verstehen nicht. Es geht hier um eine geologische Sache. Der Brunnen ist in Fels gehauen, und es gibt hier unten Risse. Ich muss wissen, wie belastbar das Gestein hier unten ist, sonst kann ich die Kammer nicht öffnen.“

„Eine Kammer also, kein Gang? Wehe, wenn du uns verarschst, Pater!“

Der Anführer wandte sich Tristan zu. „Los, kletter’ runter zu ihm.“

„Da runter? Hören Sie, ich bin Geologe, ja, aber ich beschäftige mich hauptsächlich mit Gesteinsformationen in Landschaften. Wissen Sie, wann ich das letzte Mal in eine Höhle geklettert bin? Das war … das war noch während meines Studiums.“ Er schüttelte den Kopf. „Was weiß ich, was da unten ist. Nein, ich kann das nicht!“

„Tristan“, sagte Alana. „Bitte!“

Er zögerte. Vielleicht würden seine Kräfte reichen, um hinunterzuklettern, eventuell sogar noch für den Weg zurück nach oben, nur …

„Ich bin ein ziemlich schlechter Schwimmer.“

„Bitte.“

„Alana“, Tristan spürte wie brüchig seine Stimme klang. „Ich bin kein schlechter Schwimmer, ich kann überhaupt nicht schwimmen!“

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Überraschend erfrischend – der neue Text vom Keltenartefakt
(Bildnachweis: © *paprika* - photocase.com)