Paar-ti-Tour – denn Reden ist ein Glücksspiel

Die Leipziger Buchmesse 2011 ruft und ich werde aus meinem Beitrag ‚Fremdgang‘ lesen – man hätte diese Kurzgeschichte auch ‚Von der hohen Kunst aneinander vorbeizureden‘ nennen können. Aber soviel gibt der nackte männliche Unterarm auf dem Cover gar nicht her. Deshalb Paar-ti-Tour. Verständnisse, Missverständnisse und sogar Unmissverständnisse findet sich in dem kleinen Printwerk. Lesen Sie unter dem Bild doch mal rein.

Paare, das merkwürdigste Konstrukt seit Eva

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Fremdgang

Michael Milde

Der Zucker war alle.
„So ein Mist“, schimpfte Karl-Heinz vor sich hin.
„Dir auch einen schönen Tag“, grüßte jemand freundlich.
Karl-Heinz erkannte Bruno, den Lebenskünstler, der lässig mit einer Hand in dem renommierten Café im Herzen der Altstadt nach der Bedienung schnippte, und sich mit der anderen den Stuhl zurecht schob.
„Ach“, brummte Karl-Heinz missmutig.
„Schlecht drauf?“, fragte Bruno überflüssigerweise.
Statt einer Antwort stürzte der Angesprochene den Zuckerspender auf den Kopf. Ein paar wenige Kristalle purzelten auf den Tisch. „Da lohnt sich hinterher nicht mal das Tischabwischen.“
Bruno zog fragend die Augenbrauen zusammen. „Der Zuc­ker wird dir doch die Suppe nicht versalzen haben?“ Er lieb­te Wortspiele.
„Meine Dingsaffären lohnen das Duschen hinterher auch nicht.“
Die Bedienung in lässigen Jeans, aber mit artigem Schürzchen stöckelte dienstbeflissen mit einem Block in der Hand heran.
„Einen heißen Kaffee für mich und eine heiße Affäre für meinen Freund, bitte“, bestellte Bruno frech. Die Servicekraft notierte alles genau. Dann sah sie auf, noch einmal in ihren Block, blätterte darin, dann sah sie wieder auf.
„Tut mir leid“, versuchte sie eine gelangweilte Entschuldigung abzuspulen, „aber eine heiße Affäre haben wir nicht auf der Nachmittagskarte.“
„Nicht auf der Nachmittagskarte?“ Bruno tat empört. „Was machen wir denn da?“
Interessiert blickte Karl-Heinz auf. Mit Scannerblick mus­terte er die Bedienung. Weiblich, enge Jeans, apartes kleines Schürzchen, welches trotz des sterilen Weiß auch als Len­denschurz durchgehen könnte, lässiges Top (Farbe egal), sehr weibliche Ausstattung und brünettes, hochgestecktes Haar, aus dem gelegentlich eine lila Strähne spitz­te. Genau der Typ Frau, der ihm keinen Zucker im Le­ben gönnte.
„Vielleicht ja auf der Abendkarte“, überlegte die Bedienung kurz, aber nicht besonders interessiert.
„Ja?“, fragte Bruno in der Erwartung, es würde noch was kommen.
„Die gilt ab 17 Uhr, da habe ich keine Schicht. Nur nachmit­tags, weil eigentlich studiere ich Religionswissenschaften und mache den servilen Mist nur wegen der Kohle. Ver­stehste?“ Dabei wollte sie lässig die widerspenstige Strähne greifen, die immer wieder ihrem Arrangement aus Haarpracht, Haarnadeln und Haarschleifchen, entkam. Doch der Bleistift störte. Kurzerhand steckte sie ihn in den Dutt und spiel­te nachdenklich mit der Locke, die quer über das Gesicht hing.
„Sie Arme, das muss fürchterlich sein. Den Kopf voller fun­damentaler Mysterien und an Tisch fünf will der eine Milch­kaffee, der andere Macchiato, der nächste Café Latte, dann ei­ner nur schwarz oder Cappuccino. Das ist ja der reine Wahn­sinn. Wie halten Sie das nur aus?“
Ein Leuchten huschte über ihre überschminkten Augen.
„Ist lieb von dir. Verständnis haben nur wenige.“
Bei diesen Worten beugte sie sich vor und stützte sich, Bru­no zugewandt, mit dem Ellbogen auf dem Kaffeehaustisch­chen auf. Das leichte Sommertop konnte seiner Funktion der Bedeckung nur noch schlecht nachkommen. Zumindest aus Brunos Blickrichtung.
„Dabei ist die Welt, der Geist und die Tiefe der Seele und so, so tiefgehend. Vielleicht sollten wir das mal ausdis­ku­tie­ren, so substanziell und so.“ Beinahe zärtlich zog Bruno die Strähne zwischen ihren Fingern hervor und drehte sie lustvoll um die eigenen.
„Ich bestehe darauf, dass ich den Kaffee mitbringe.“ Ein un­artikulierter Wohllaut entkam den roten Lippen der Servicekraft. „Außerdem habe ich noch ein altes Reclam-Heftchen von Nietzsche. Da gibt es einige Stellen, die ich gern mal wissenschaftlich erklärt haben möchte. Es gibt so vieles, was ich nicht weiß.“
Karl-Heinz sah nur noch ein jeansbedecktes Hinterteil vor sich. Obwohl das an und für sich nicht ohne war, wusste er eines ganz genau: Er war abgemeldet. „Ich bräuchte noch Zucker.“
„Gemeinsam im Reclam schmökern hat so was Nahes, so etwas Inniges, so etwas Intimes. Gedanken fliegen auf …“
„Der Zuckerstreuer ist leer. Ich trinke meinen Kaffee immer mit Zucker“, meldete sich Karl-Heinz wieder zu Wort.
„Ich liebe die kleinen Heftchen auch sehr. Sie haben einen Ehrenplatz in meiner Privatbibliothek.“
„Ich liebe Männer, die belesen sind“, flüsterte die Servicekraft.
„Ich verehre Frauen mit Köpfchen“, gestand Bruno, als würde ihm ein geheimes Geständnis entlockt.
„Und ich liebe Zucker in meinem Kaffee, solange er noch heiß ist“, ließ sich Karl-Heinz vernehmen.

<Ende der Leseprobe>

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Paar-ti-Tour
Anthologie
Herausgeber Michael Milde
Wunderwald Verlag Erlangen
ISBN 978-3-940582-49-2
Preis 11,00 €
124 Seiten
offizieller Erscheinungstermin 10.03.2011